Es gibt einen Moment, den viele Geschäftsführer kennen, auch wenn sie ihn selten ansprechen. Man sitzt nach einer langen Sitzung im Auto oder am Schreibtisch, alles ist gut gelaufen, keine Fehler, keine offenen Fragen, und trotzdem stellt sich keine Befriedigung ein. Nur eine Art innere Stille, die sich nicht ganz richtig anfühlt.
Das wird meistens weggeschoben. Zu viel um die Ohren, nächste Woche wird besser, im Sommer kommt der Urlaub. Irgendwann merkt man, dass der Urlaub daran nichts ändert.
Das Energieproblem, das keines ist
Was hier passiert, ist kein Energiemangel. Die Erschöpfung liegt woanders. In Unternehmen, die gut laufen, entwickelt sich mit der Zeit eine Art gemeinsame Sprache, die fast ausschließlich aus Kennzahlen, Prozessen und Quartalsergebnissen besteht. Das ist funktional und notwendig. Aber diese Sprache beantwortet bestimmte Fragen nicht. Zum Beispiel die, ob das, was man täglich tut, zu dem führt, was einem tatsächlich wichtig ist.
Das hat Konsequenzen. Wer keine Sprache für das hat, was ihm fehlt, sucht meistens an der falschen Stelle. Mehr Urlaub, ein neues Projekt, ein besseres Team. Manchmal hilft das kurzfristig. Meistens nicht dauerhaft.
Wessen Liste ist das eigentlich
Viktor Frankl hat beobachtet, dass Menschen außergewöhnlich viel ertragen können, wenn sie wissen wofür. Und sehr wenig, wenn sie es nicht wissen. Das gilt nicht nur in extremen Situationen. Es gilt im Alltag, in Besprechungen, in strategischen Entscheidungen, im dritten Quartal in Folge mit denselben Themen.
Ein Geschäftsführer, mit dem ich gearbeitet habe, beschrieb es so. Er habe jahrelang jeden Montag eine Liste abgearbeitet. Gut, effizient, ohne große Fehler. Irgendwann habe er sich gefragt, wessen Liste das eigentlich sei.
Das ist keine Frage, die sich durch besseres Zeitmanagement beantwortet. Auch nicht durch ein neues Unternehmensleitbild, das die Marketingagentur formuliert hat. Sie verlangt etwas anderes, nämlich die Bereitschaft, sich ihr ohne sofortige Lösungsabsicht zu stellen.
Der erste Schritt ist nicht die Lösung. Er ist die Bereitschaft, die Frage ernst zu nehmen.