Insights  ·  Führungskultur  ·  Juni 2026

Der Kapitän gehört auf die Brücke

Wenn wirtschaftlicher Druck steigt, verlassen Führungskräfte ihre eigentliche Position. Sie werden zu hervorragenden Ruderern. Und verlieren dabei die wichtigste Funktion, Orientierung zu geben.

Wenn ein Schiff in schweres Wetter gerät, erwartet niemand, daß der Kapitän unter Deck geht und beim Rudern hilft. Je schwieriger die Lage wird, desto wichtiger wird seine Position auf der Brücke.

In Organisationen passiert genau das Gegenteil. Sobald der Druck steigt, sitzen Führungskräfte in zusätzlichen Meetings, kontrollieren Prozesse, lösen operative Probleme, beantworten E-Mails. Was von außen nach Engagement aussieht, ist häufig der Beginn eines Orientierungsverlusts. Nicht für die Organisation allein. Sondern für die Führungskraft selbst.

Was mit Führungskräften passiert

Viktor Frankl hat für diesen Zustand einen Begriff geprägt. Existenzielle Frustration. Gemeint ist damit nicht Burnout, nicht Stress, nicht Überforderung. Eine Führungskraft kann erschöpft sein und trotzdem genau wissen, wofür sie arbeitet. Existenzielle Frustration beginnt dort, wo dieser Bezug verloren geht.

Das erste Anzeichen zeigt sich in der Sprache. Früher ist zu hören "Wir wollen aufbauen, verbessern, entwickeln." Später heißt es "Das Management will das. Die Zahlen müssen stimmen. Wir haben keine Wahl." Der Möglichkeitsraum schrumpft.

Das zweite Anzeichen ist ein Rollenwechsel. Aus Gestaltern werden Verwalter. Führungskräfte, die ursprünglich angetreten sind, um etwas zu bewegen, erleben sich nach einigen Jahren oft nur noch als Koordinatoren.

Das dritte Anzeichen betrifft die Entscheidungslogik. Die leitende Frage ist nicht mehr "Was ist richtig?", sondern "Was ist am wenigsten riskant?" Die Frage nach dem Wozu verschwindet.

Viele Führungskräfte beschreiben irgendwann dasselbe. "Ich arbeite mehr als je zuvor, aber ich habe das Gefühl, nichts Wesentliches mehr zu bewegen." Das ist kein Burnout. Es ist Orientierungsverlust.

Was mit Organisationen passiert

Führungskräfte bleiben mit diesem Zustand nicht allein. Organisationen spiegeln ihn.

Das erste Zeichen ist überraschend. Konflikte verschwinden. Viele halten das für ein gutes Zeichen. Oft ist es keines. Wenn in Teams keine Meinungsverschiedenheiten mehr sichtbar sind, bedeutet das nicht automatisch Einigkeit. Es kann bedeuten, daß Menschen aufgehört haben, sich einzubringen.

Das zweite Zeichen ist hohe Aktivität bei geringer Wirkung. Die Organisation ist beschäftigt, aber die tatsächliche Veränderungsfähigkeit nimmt ab. Das ist der Unterschied zwischen beschäftigt und handlungsfähig.

Das dritte Zeichen ist politisches Verhalten. Wenn gemeinsame Orientierung fehlt, suchen Menschen andere Orientierungssysteme. Aus Orientierungsverlust wird kulturelle Erosion. Aus kultureller Erosion wird irgendwann wirtschaftlicher Schaden. Nicht sofort. Aber zuverlässig.

Die KI-Wendung

Während genau diese menschlichen Fähigkeiten unter Druck geraten, investieren Organisationen massiv in Künstliche Intelligenz. Das ist sinnvoll. KI wird Prozesse verbessern, Analysen beschleunigen, Entscheidungsunterstützung liefern.

Aber keine KI beantwortet, wofür es sich lohnt, eine Entscheidung zu treffen, welcher Wert Vorrang haben soll. Das sind keine technischen Fragen. Das sind Orientierungsfragen.

Die eigentliche Gefahr der KI besteht nicht darin, Führung zu ersetzen. Die Gefahr besteht darin, daß Organisationen genau jene menschliche Leistung vernachlässigen, deren Bedeutung im Zeitalter der KI wächst.

Drei Fragen, die auf der Brücke helfen

Welchem Auftrag dient meine Arbeit eigentlich? Nicht die Tätigkeit, nicht der Kalender. Der Auftrag.

Welche Entscheidung vermeide ich derzeit? Orientierungsverlust zeigt sich häufig zuerst in vermiedenen Entscheidungen.

Welchen Wert opfere ich gerade zugunsten kurzfristiger Effizienz? Viele kulturelle Probleme beginnen nicht mit großen Fehlentscheidungen. Sie beginnen mit kleinen Kompromissen, die niemand mehr bemerkt.

Der Kapitän gehört nicht unter Deck. Er gehört auf die Brücke. Gerade dann, wenn das Wetter schlechter wird.

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Robert Kiesinger MBA

Unternehmensberater für Führung, Kultur und Orientierung in Wien. Ich begleite Führungskräfte und Organisationen, wenn Leistung, Verantwortung und innere Orientierung wieder zusammenfinden müssen.

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